Ein Besuch im Tierheim

 

Die Schnurzel gab es nach dem 1. Juli nicht mehr, und ich litt an dem Entzug der gewohnten Zweisamkeit. Erst einmal musste der Tränenfluss trocknen. Für mich kam nur eine ältere bis alte Katze als Nachfolgerin in Betracht. Von einer Bekannten, die während meines Krankenhausaufenthaltes die Versorgung von Schnurzel übernommen hatte, und die auch als freie Mitarbeiterin im Tierheim aushilft, bekam ich schon bald die Nachricht, es sei eine vierzehnjährige Hauskatze abgegeben worden, und sie schickte mir ein Foto von ihr. Sie war knallig in den Farben orange, weiß, schwarz ohne Abstufungen gescheckt. Sie erschien mir als eine Katze, wie sie sich Lieschen Müller zulegt. Da sie mir nicht sonderlich gefiel, und ich in der Trauerzeit mir keine Entscheidung zutraute, zog ich meine „Jammerklangschale“ zu Rate, und drehte recht verhalten die gewohnten Runden. Das ließ sich nicht schlecht an, allein nach einigen Minuten klirrte es ganz unvermutet recht herb, und der Crash ließ mich erstarren. In der nächsten Nacht wollte ich es genauer wissen: Dieses Mal verlief es zunächst ähnlich harmonisch, aber dann flog ich mit meinem Reibholz über den Rand der Klangschale, also wieder nichts. Da ich in der Zeit einen Alterungsschub spürte, sagte ich ab.

Ich bekomme öfter Werbung für die Entgiftungs-Fußpflaster. Das probierte ich jetzt aus, klebte mir abwechselnd links und rechts jeden Tag ein Pflaster unter den Fuß, und erfuhr schon bald eine spürbare Besserung meines mentalen Zustands. Da fühlte ich mich wieder handlungsfähig, und dachte an die gescheckte Katze. Auch die Klangschale hatte nichts mehr dagegen. Die Katze war aber schon mittlerweile wieder vergeben. Dieses mir lästige Entscheidungspro-blem hatte sich also erledigt.

Dann erfuhr ich, dass in Vaihingen zwei ältere Katzen, eine SIE und ein ER zusammen in der Ferienzeit abgegeben worden seien, und schon die Quaratäne hinter sich hätten. Ich bat deshalb meine Bekannte um einen Besuchstermin, und sie machte einen Termin außerhalb der Besuchszeiten aus, in der eine weitere Mitarbeiterin die Aufsicht führte. Mit meiner dünnen Klappmatratze, zwei Leckerli und etwas Spielzeug wurde ich in ihre bis an die Decke mit Klettergerüsten und Hochregalen vorbildlich ausgestattenen „Zimmer“ eingelassen. Als erstes lockte ich die Katzen mit Leckerli als Eintrittsgeld. Dann ließ ich Tischtennisbälle hüpfen, was aber keinen Anklang fand. Lediglich die Betreuerin, die sich zu mir gesetzt hatte, bat mich um einen. Sie kannte eine Katze, welche die TT-Bälle mit der Tatze hochspringen lässt. Besser wurde von beiden das Knotenmäuschen an der Kordel aufgenommen. ER näherte sich vorsichtiger, ließ sich nicht streicheln, zog sich wieder zurück, und schaute erst einmal zu. Jetzt konnte ich festellen, dass SIE von der Fellzeichnung her die Kurzhaarversion von meiner Schnurzel darstellte, bloß etwas dunkler. Als Zeichen meiner Sympathie brummte ich leise tiefe Töne direkt über ihren Ohren, und machte auch einen leichten Kopfstoß, was ihr gefiel. Sie fing sogar an zu schnurren. Ich trank dann Tee aus meiner Thermosflasche, und sie schnupperte an der Matratze, was auch Schnurzels Manie gewesen war.

Als ich mich nur mit IHR beschäftigte, hörte ich hinter mir Gescharre und Gepoltere: ER war mit zwei Sätzen am Kletterbaum hoch oben im Regal direkt unter der Decke, und schaute von dort auf mich herunter. Seine Masche war das Imponieren. Ich versuchte ihn mit meinem Knotenmäuschen zu jagen, was in dem engen Raum mir selten genug gelang. Er witschte akrobatisch auf den Regalbrettern hin und her, und hinauf und hinunter, bis er mir gezeigt hatte, dass er der Überlegene war. Dann war er das Spiel leid, und er war wiederum in zwei Sätzen in seinem „Nest“ in der Ecke, verborgen hinter einem Tuch. Vorhang: „The show is over“.

Das kannte ich schon von einem anderen Kater in meiner Nachbarschaft: Hinter einem ausbruchsicheren Maschendrahtzaun an einem erhöhten Garten konnte ich ganz nah an ihn herankommen, Kopf an Kopf, was ihn zu einer exhibitionistischer Show animierte. Als er sie beendete, lief er in eine Ecke, und wandte sich von mir im rechten Winkel ab.

Ich blickte mich wieder um nach IHR: Sie hatte es sich auf meiner Matratze bequem gemacht. Menschen besitzen, Katzen beliegen. Damit war klar, dass sie zu mir wollte, was auch mein Wunsch war. Sie zeigte mir dann noch, dass sie „gut drauf“ war, und schnellte auch kurz das Gestell hoch, kam aber sofort wieder runter. Das war wohl das Revier des Katers geworden. Sie wollte lieber am Boden bleiben, was auch ich vorziehe. Ich denke, sie haben sich ihre Reviere so aufgeteilt. Wildkatzen sind ja einander spinnefeind. Das erklärt auch, dass sich der Kater am Boden mir nur kurz näherte, um das Leckerli in Empfang zu nehmen. Die beiden hatten sich arrangiert, und respektierten die Revieraufteilung.

Leider gab es noch ein Problem: Auf dem Begleitzettel waren die Geschlechter vertauscht, und die Katzen hatten ein unterschiedliches Alter, welches auch nur als Variable im Ausmaß von 3 Jahren bestimmt werden konnte, da die beiden wohl nacheinander als Flüchtlinge aufgegriffen worden waren, da sie als Bauernkatzen ausgerückte Freigänger waren. Leider konnte mir die Betreuerin über die Vergangenheit nichts mitteilen, und die Impfbücher, die Auskunft geben könnten, lagen mir nicht vor. 

Bei einem zweiten Besuch sprach ich mit der Katzenbeauftragten. Sie bestätigte die in meinen Augen verkehrte Bezeichnung der Geschlechter: Die in der Höhe herumspringende Katze sollte das drei Jahre ältere Weibchen (auf 13 Jahre geschätzt) sein, und die zutrauliche jüngere der Kater. Das konnte mir nicht einleuchten, da Beharrlichkeit das Merkmal der Katzen ist, Unternehmungsgeist das der Kater. Aber da die beiden nur paarweise abgegeben werden sollten, und ich nur eine Katze übernehmen wollte, verzichtete ich auf eine weitere Diskussion zu dieser Frage. Damit war der Fall für mich erledigt.                                                                                                                      8.9.21

 

Viktor, der Schreckliche

 

Fünf Monate nach dem Tod von Schnurzel, fühlte ich mich so langsam am vertrotteln. Eine neue Katze musste her. Alle Tierheime in der Umgebung klapperte ich ab, um eine ältere Katze zu finden. Bei Einzelkatzen hatte ich kein Glück, sie waren schnell vergeben, und zwei Katzen wollte ich mir nicht mehr zumuten, so blieb nur noch ein Problemkater aus dem Tierheim Ludwigsburg übrig, der schon lange auf deren Liste stand.

 

 

Vincent, Kater, kastriert, geb. 2008, Wohnungshaltung

Vincent kam zu uns, weil seine Besitzerin ins Pflegeheim umziehen musste. Sie hatte ihn ursprünglich als hochgradig verhaltensgestört von einem anderen Tierschutzverein adoptiert. Dort wurde er mehrfach zurückgegeben, weil er seine Besitzer verbissen hatte. Auch in seinem letzten Zuhause war er anfangs etwas problematisch, mit der Zeit und einigen „Erziehungsmaßnahmen“ wurde das Zusammenleben mit Vincent jedoch wesentlich harmonischer.

Auch bei uns zeigte er sich erst sehr abweisend bis aggressiv. Mittlerweile ist er jedoch überwiegend freundlich und auch sehr verschmust. Seine weniger nette Seite zeigt er hauptsächlich, wenn man sein Gehege nach einer Spiel- und Streicheleinheit wieder verlassen möchte, was ihm so gar nicht passt. Wir suchen für Vincent daher Katzenprofis, die viel Zeit für ihn haben und sich eine solche Herausforderung zutrauen.

Vincent ist ein Einzelkater und wird in Wohnungshaltung mit gesichertem Balkon o.ä. vermittelt.

Interessiert? Nehmen Sie Kontakt mit uns auf.

Fotos und Anzeigentext vom Tierheim

Am Freitag, 3. Dezember, durfte ich ihn besuchen.

Dort traf ich neben der Pflegerin auch einen achtzigjährigen Rentner, der bei den Katzen für sich und ihn für Unterhaltung sorgte. Er riet mir, eine Manschette um die Beine zu wickeln, um mich vor der Bissigkeit zu schützen. Da ich ihn nur stehend sah, konnte Viktor nur da zubeißen. Die Pflegerin konnte ich bald von meiner Eignung überzeugen. Ich hatte meine Klappmatratze dabei, auf die sich auch die Pflegerin setzte. Meine Vermutung war, dass es sich um eine Rassekatze handele, aber welche? Sie nannte Russisch Blau und informierte mich über seine Eigenarten, und ich lockte ihn mit meiner Knotenmaus an langer Leine an. Er kam nach kurzer Zeit zutraulich, aber auch recht ungestüm auf mich zu, und setzte sich auch kurz in meinen Korb, was meine mich begleitende Katzenfreundin für unmöglich gehalten hatte. Die Rückfahrt war problemlos, und anschließend im Haus sah ich von ihm nur einen Schatten flitzen.

Der Samstag war eine einzige Katastrophe. Viktor war nach kurzer Begrüßung auf der Klappmatratze nur noch am schreien und fauchen, und biss mich dreimal. Daraufhin besann ich mich auf die Macht des Schweigens, und ignorierte sein Gezeter. Er erkletterte mein Bücherregal, und kam mit Spinnweben dekoriert wieder unten an. Die Katzenklappe hatte er auch schon entdeckt, war aber nur kurz draußen, da es regnete.

Am Sonntag konnte ich gegen Abend meinen Streik beenden, und er reagierte mit stürmischer Zuneigung. Ich fühlte mich wie Francesca da Rimini, die von Paolo Malatesta bestürmt wird.                                                                           Dominique Ingres 1814

   Am Montag entwickelte sich unsere Beziehung weiter in Richtung Sonnenschein. Lästig ist die Aufdringlichkeit bei Tisch. Er hat da keine Hemmungen, bei mir auf den Schoß steigen, und von dort auf den Tisch, um dort zu untersuchen, was es gibt, und womöglich Leckerli abzustauben. Die bekommt er aber nur auf der Sitzbank, dem Abstauberplatz. Am liebsten möchte er das gleiche fressen wie ich, Butter und Fleischliches.

Seine Zuneigung zeigt er vor allem, wenn ich auf der Klappmatratze oder dem Berberteppich meine gymnastischen Übungen absolviere. Dann umrundet er mich, stößt mich mit der Schnauze an, schlüpft unter den angewinkelten Beinen durch, und hockt sich oben auf mich drauf. Dann ist er Viktor, der Sieger, und schnurrt, kein Gekreische und Gefauche mehr, und will geknuddelt werden.

      Dienstag: Draußen kommt die Sonne raus. Bei meinen Lockerungsü-

bungen auf der Matratze ist er gleich wieder voll dabei. Dann ging ich raus vor die Haustür, um dort am Metallgitter meine Kniebeugen abzuzählen. Victor kam zunächst zögerlich raus, dann peste er ein Stück den Weg hoch, drehte sich dreimal nach mir um, ich nickte freundlich, da war schon um die Ecke verschwunden. Nach vier Stunden hörte ich die Klappe klappern. Victor ist also ein Freigänger. In der Präsentation des Tierschutzvereins stand Wohnungshaltung.

    Mittwoch war Katastrophentag. Ich absolvierte auf der Klappmatratze meine Bewegungsübungen, er umkreiste mich und schlüpfte unter meinen angewinkelten Beine durch, und als ich ihn knuddelte, biss er mich schnurrend ohne Warnung in den Arm. Als ich ihn fortstieß, und mich erhob, biss er mich noch in die Ferse. Danach ignorierte ich ihn für den Rest des Tages mitsamt seiner Schreierei.

    Donnerstag: Heute war er zum Frühstück wieder ganz lieb, und kuschelte sich in meinen Schoß, und wollte gestreichelt werden. Dann muss ich sehen, dass er auf meine Regungen hin sich selber zurückzieht, und nicht plötzlich runtergeworfen wird. Danach war er wieder draußen oder im Haus versteckt.

    Freitag: Bei der morgendlichen Begrüßung ging es wieder hoch her. Er hüpfte auf meinen Schoß, und schnurrte. Beim Streicheln biss er mich heftig in die linke Hand. Darauf beachtete ich ihn mit seinem Geschrei nicht mehr für den restlichen Tag, und schluckte abends Tetracyclin, weil die Hand anschwoll.

    Samstag war ein Hoffnungstag: Zur Begrüßung sprang er wieder auf meinen Schoß, und tat ganz lieb. Allerdings wurde er schnäkig, mochte die hochpreisige Nahrung nicht, und trat für den Rest des Tages in den Hungerstreik.

    Sonntag: Vormittags konnte ich ihn im Haus nicht entdecken. Dann hörte ich die Katzenklappe, und er zog sich zur Ruhe zurück. Gegen Abend suchte er wieder den Kontakt, wobei ich mich eher passiv verhielt, und Streicheleinheiten vermied.

    Montag: Morgens sprang er unaufgefordert wieder auf meinen Schoß, und ich streichelte ihn nur vorsichtig, und kraulte ihn etwas am Kopf und Hals, bis er mich heimtückisch heftig in die rechte Hand biss. Die schwoll dann auch an, und ich setze die Therapie mit Tetrazyclin fort. Danach gefiel ihm das Nahrungsangebot nicht, und er trat wieder in den Hungerstreik. Ich beachtete ihn nicht weiter, und bestellte ein Taxi für den nächsten Tag.

    Dienstag: Der Napf war immer noch nicht leer. Victor maunzte und wollte mich belagern. Ich zischte ihn weg. Daraufhin war er beleidigt, und verkroch sich in den Korb, aus dem er nicht mehr herauskam. Er wollte nun nur noch in denTierheimknast zurück, wo er wenigstens den Pensionär in seine Gamaschen beißen darf. Auf dem Transport am Nachmittag gab er keinen Laut von sich.

Die zwei anwesenden Pflegerinnen zeigten sich bestürzt, als ich ihnen meine geschwollenen Hände zeigte. Wir machten uns Gedanken über die vermutlichen Hintergründe des extrem überdrehten schizophrenen Verhaltens von Viktor. Am naheliegendsten ist ein gewalttätiges und wohl auch kleinkriminelles Milieu. Traurig, was da alles passiert sein muss, damit ein Kater zu einem beißwütigen Berserker geworden ist, für den die plump vertrauliche Anbiederung nur das Vorspiel des Beißwunsches geworden ist.

Das Impfheft war nicht vorhanden. Es gab darüber zwei Versionen: Einmal war es verloren gegangen, und das Tierheim hatte ein neues aktuelles verfasst. Der Lebenslauf des Katers war damit gelöscht. Die zweite Version fand sich als Eintrag in dem neuen Impfheft: Das alte sei einem Wasserschaden zum Opfer gefallen. Die Frau, die den Kater abgegeben hatte, hatte noch angegeben, dass bei ihren privaten Vermittlungsversuchen er dreimal zurückgegeben worden sei. Das ist wenigstens glaubwürdig.

Die Rückabwickelung des Vertrags verlief ohne Probleme. Ich machte deutlich, dass der Kater nicht vermittelbar ist. Mich stimmte dieses Abenteuer traurig, wie einige Menschen mit Tieren umgehen, sodass sie ständig am durchdrehen sind.

Es gibt noch mehr Unstimmigkeiten, auf die ich an dieser Stelle eingehen sollte. Mir kam gleich die Idee, dass Vincent ein Rassekater sein sollte. Rassekatzen zeichnen sich durch attraktive Besonderheiten aus, welche den Geltungsnutzen der Eigentümer erhöhen. Die Pflegerin klärte mich auf, dass es sich um die Rasse Russisch Blau handele. Diese Bezeichnung taucht aber in den Dokumenten nirgendwo auf, ein Hinweis, dass es sich um eine nicht lizensierte Privatzüchtung handeln sollte. Diese Rasse zeichnet sich als einzige durch die Besonderheit des Doppelfells aus, was die Haare plüschig abstehen lässt. Da die Urform noch heute in Nordwestrussland anzutreffen ist, liegt der Gedanke nahe, dass es sich um eine Anpassung an die Kälte handelt. Die Langhaarkatzen, die auch besser an die Kälte angepasst sind, verdanken ihr Aussehen einem Gendefekt, der durch züchterische Maßnahmen zu einem Rassemerkmal wurde. Das Fell neigt bei ihnen zu Verfilzungen (wie bei Schnurzel), sodass diese Rassen ohne menschliche Pflege keine langfristige Möglichkeit des Überlebens hätten. Als Kurzhaarkatze bedeutet die Besonderheit des doppelten Fells wohl einen ebenso guten Kälteschutz. Es gibt also bei dieser Rasse nur geringe züchterische Eingriffe und Varianten, weshalb sie als recht robust erscheinen. Bei Viktor zeigt jedoch die vergrößerte Blende der Iris, welche ich nie als Schlitz sah, dass Victor langsam erblindet. Er schaute mir auch nie in die Augen, die er oft geschlossen hielt.

Auf keinen Fall werde ich mir noch eine Rassekatze zulegen. Diese entstehen durch Rückkreuzung, eine Form des Inzests, wobei auch andere Merkmale und Funktionen betroffen sind.

Ein Tierheim darf bei der Vermittlung eine Rassekatze nicht als solche benennen, da das nur bei autorisierten Züchtern, die auch steuerlich angemeldet sind, gestattet ist. Dass es sich um eine Rassekatze eines nicht autorisierten Züchters handelt, erfährt man auf Nachfrage nur mündlich bei den Tierpflegern. Aber so gut wie nie werden Rassekatzen mit Stammbaum in ein Tierheim abgegeben, weil die als Statussymbole wesendlich teurer, und begehrte Handelsobjekte sind.                         18.12.2011

 

Meine einzige Aufnahme von "Teufel" Victor, dem Schrecklichen

 

Mittlerweile habe ich bei der Suche nach einer Katzenseniorin nur noch Absagen von Tierheimen bekommen mit unterschiedlichen Begründungen. Die Haltungsbedingungen bei mir sind optimal, aber mein hohes Alter ist es nicht. Ich sehe die Tierheime als eine Art von Behörde, und die hat ihre Direktiven. Da falle ich durch.                                                                                   7.3.22

 

 

      Perdita oder der Entzug des Gewohnten

 

                Eine Begebenheit in den USA und Vergleich mit Schnurzel

 

Katzen sind viel mehr als Kater auf Verlässlichkeit der Gewohnheiten eingestellt. Diese wurden sowohl bei Schnurzel, wie auch in dem folgenden Fall, den ich dem SPIEGEL entnommen habe, umständehalber zerstört. Hier habe ich das journalistische Drumherum weggelassen, und mich auf das Schicksal der Katze Perdita (die „Verlorene“) beschränkt.

 

 

Was hatte sie in ihrem bisherigen Leben? Sie kam aus einer Welt der Stille, der Geräusche, Gerüche, Jagdobjekte. Sie hatte ein Haus für den Unterschlupf, ein riesiges Waldrevier ganz für sich allein, eine liebevolle Bezugsperson und eine geregelte Versorgung. Das fiel alles weg, und sie wurde interniert. Das hat sie ohne Auffälligkeiten hingenommen und eingesehen, wie auch die Einzelhaft in der Quarantäne. Erst als sie in Gruppenhaft kam, bei der Vermittlungsschau um sich herum ein verwirrendes Gewusel, kein Revier und keine Bezugsperson, drehte sie durch, und entwickelte sich als Berserker zum Schrecken des Tierheims. Es gibt viele Menschen, die im Knast schlimmer reagieren.

 

Schnurzel, auch eine verwöhnte Katze, aber in ungeeigneter Haltung, die ihre Besitzerin zur Kapitulation brachte, reagierte auf ihren Schicksalsschlag nicht aggressiv, sondern verstört, schreckhaft und depressiv. Sie wollte das Tierheimgewusel nicht sehen, und verkroch sich in einen lichtlosen Muff. Womöglich hätte eine Sichtblende dem Problem mit der Perdita abgeholfen.

 

Beide Verhaltensweisen sind nur in ihrem Extremismus vergleichbar, wobei beide robuste Rassen darstellen. Katzen haben grundsätzlich eine feindselige Einstellung. Ihnen fehlen die kooperativen Gene der Hunde. Das liegt an ihren Jagdgewohnheiten als Lauerjäger. In Situationen, wo ihnen die Flucht verwehrt wird, haben sie nur die Alternative von Duldung und Aggression.

Wenn ich Schnurzel packen musste, um sie im Korb zum Tierarzt zu bringen, musste ich anfangs Handschuhe anziehen. Bei jeder Freiheitsberaubung gibt es instinktiv Protest. Dass sie beim Bürsten des Fells noch im Schnurren mit der Pranke zuschlug, weil ihr etwas missfiel, kenne ich auch. Sie flüchtete dann gleich, und ich konnte nur direkt, also auch instinktiv, erwidern, was sie ohne Groll akzeptierte. Es dauerte mehrere Jahre, dass ich ihr das Zuschlagen abgewöhnen konnte. Bei allem, was mit ihrem Körper zu tun hat, kennt sie keine Kompromisse. Jetzt verlässt sie mich einfach, wenn sie genug hat, oder wenn ihr etwas missfällt. Sie muss immer alles unter Kontrolle haben, und ich muss immer ihre Signale befolgen. Katzen haben im Unterschied zu Katern ein ausgesprochenes Ehrbewusstsein, und sind auf ihre Würde bedacht. Man darf sie mental nicht auf Null bringen.

 

Wenn ich lese, dass Perdita „einfach ein Idiot“ sei, so kann ich dazu nur sagen, dass hier der Tierarzt der Idiot ist, mangels Einfühlungsvermögen.

Auf keinen Fall möchte ich die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Tierheims tadeln, die von der Situation überfordert waren. Immerhin hatte ein Tierpfleger die zündende Idee, wie der Unvermittelbarkeit abzuhelfen sei: Er warb für Perdita als satanisches Wesen, was in altbewährte menschliche Denkmuster einrastete. Schon meldeten sich im Internet eine Menge Leute, die sich als Exorzisten versuchen wollten.