Planned Obsolescence

 

„Unsere gesamte Wirtschaft beruht auf planmäßiger Obsoleszenz, das sollte jeder, der zwischen den Zeilen lesen kann, inzwischen gemerkt haben. Wir machen gute Waren, veranlassen die Menschen, sie zu kaufen, und im nächsten Jahr führen wir dann absichtlich etwas ein, das diese Erzeugnisse altmodisch, überholt, veraltet erscheinen lässt…. Das ist keine organisierte Verschwendung. Das ist ein gesunder Beitrag zur amerikanischen Wirtschaft.“   (Brooks Stevens, Designer)

 

„Wenn die Waren nicht schnell genug verschleißen, haben die Fabriken nichts mehr zu tun, und die Menschen werden arbeitslos.“   (unter dem Titel „Die altmodische Dauerhaftigkeit“ verfasst von Leon Kelley, leitender Angestellter der Fa. Fishler, Zealand & Co., erschienen 1936 in Printers Ink)

 

„Wir haben nicht nur ein Recht darauf, das Mindestheim und viele Einrichtungsgegenstände veralten zu lassen. Es ist sogar unsere Pflicht. Wir sind verpflichtet, an der Obsoleszenz zu arbeiten und dadurch unseren Beitrag zu einer gesunden wachsenden Gesellschaft zu leisten.“    (Retailing Daily)

 

„Eine blühende Bekleidungsindustrie ist auf der Grundlage einfachen Nutzwerts nicht möglich…. Wir müssen den Verschleiß beschleunigen…. Unsere Aufgabe besteht darin, den Frauen die Freude an dem, was sie haben, zu nehmen…. Wir müssen sie so unzufrieden machen, daß ihre Männer, wenn sie übermäßig sparsam sind, weder Ruhe noch Frieden finden“    (B. Earle Puckett, Vorstand der Allied Stores Corporation, 1950)

 

„Jede Industrie versucht der Damenmodenindustrie nachzueifern. Sie ist der Schlüssel zum modernen Marketing.    Die meisten Formveränderungen erfolgen nicht, um das Erzeugnis ästhetisch oder funktionell zu verbessern, sondern um es veralten zu lassen.“ (Louis Cheskin, Marktforscher)

 

Die vorstehenden Zitate habe ich dem Buch von Vance Packard „The Waste Makers“, erschienen 1960, deutsch „Die große Verschwendung“ 1964 entnommen. Aber auch die kritische Gegenseite, zu der sich auch der Autor bekannte, kam schon zu Wort:

 

„Der Grundsatz der planmäßigen Obsoleszenz wird so weit getrieben, daß das Stück knapp den Versand aushält, und die Instandhaltung ist so schwierig und unzuverlässig, daß der Ersatz einfacher ist.“   (Chefredakteur von „Product Engineerung)

 

„Machen wir doch mal für eine Weile Schluß mit der ganzen Forschung und Entwicklung! Wir sind heute in puncto Fortschritt gerade weit genug…. Wir ersticken in unserem eigenen Plunder. Die Wissenschaft brütet Trödel aus, die Industrie stellt ihn in Massenproduktion her, der Handel verhökert ihn, und die Werbung dressiert uns darauf, reflexmäßig danach zu greifen….

Wie weit ist es mit uns gekommen? Wir sind Höhlenmenschen, die nur noch Ramsch und Plunder kennen!“    (Ein Leser der Zeitschrift)

 

„Eine Gesellschaft, in der man den Konsum künstlich anreizen muss, um die Produktion in Gang zu halten, ist auf Abfall und Vergeudung gerichtet und gleicht einem Haus, das auf Sand gebaut ist.“    Dorothy L. Sayers in „Glaube oder Chaos“

 

 

Auffällig ist, dass die Zitate aktueller denn je sind. Nach Erscheinen des Buches ging es mit der großen Verschwendung erst richtig los. Es begann der große Kaufrausch. Eine schwarze Domina mit Bürstenschnitt lechzte ins Mikrofon: Ich will Luxus!

Die Zufriedenheit ist der Todfeind der Wachstumsgesellschaft. Ständig müssen mit allen Mitteln neue Bedürfnisse hervorgerufen werden.      NEU = Besser

Der Zweck der Werbung ist erreicht, wenn so gut wie alle etwas HABEN müssen.

 

In den siebziger Jahren gab mein Schwarz-weiß-Fernseher im Abstand von einigen Monaten immer wieder den Geist auf. Ich ließ dann wieder einen Fernsehtechniker kommen, der den Schaden schnell beheben konnte. Er musste nur wie sein Vorgänger einen Drahtwiderstand im Netzteil austauschen, der sich immer stark erhitzte, was mir auch auffiel. Beim 2. Mal hatte der Techniker vielleicht ein schlechtes Gewissen oder Mitleid mit mir, oder er hatte genug Geld mit mir verdient, so zeigte er mir den Fehler: Der Drahtwiderstand des Netzteils war unterdimensioniert. Das konnte den Herstellern nicht unbekannt gewesen sein. Der Techniker zeigte Erbarmen, und baute einen stärkeren Widerstand ein. Danach lief der Fernseher noch mehrere Jahre ohne Komplikationen.

Für meine 3D-Fotografien im Nahbereich hatte ich mir 3 Yashica-Kameras zugelegt, mit umfangreichem Zubehör an Teleobjektiven und automatischem Transport. Die Kameras hielten immerhin ca. 30 Jahre, dann verabschiedeten sich kurz nacheinander in den Zehnerjahren, und gaben keinen Mucks mehr von sich. Der Fehler lag an der Elektronik. Ich kaufte dann im Internet eine gebrauchte mechanische Kamera, um zumindest im Sukzessivbetrieb noch Aufnahmen machen zu können. Das ging noch ein halbes Jahr gut, dann verabschiedete sich der elektrische Belichtungsmesser. Separate Belichtungsmesser gab es nicht mehr, weil alle Kameras einen hatten. Jetzt saß ich auf einem Haufen Schrott in M42-Technologie.

Noch dreister gingen die Hersteller einer kleinen Maginon-Digitalkamera vor: Nach etwa 10 Jahren, in der die Kamera zu meiner Zufriedenheit funktionierte, kam die Mitteilung auf dem Display, dass hinfort das Blitzlicht und die Nahaufnahme abgeschaltet seien. Es war wohl ein Hinweis, mir ein neueres Modell zuzulegen.

Auch meine Tonbandgeräte, 2, 4 und 8-spurig, hatten Fehlfunktionen. Auch ein Sony-Walkman und ein digitaler Kassetten-recorder hatten kein langes Leben und endeten als Schrott. Das einzige Tonbandgerät, das auch heute noch funktioniert, ist mein erstes, welches ich besaß: Es ist das unverwüstliche UHER-Report.

Die Küchengeräte, die ich vor kurzem zum Recyclinghof brachte, will ich gar nicht einzeln aufführen, es war ein großer Karton voll.

Jedermann/frau muss bloß einmal einen Blick in den Kleiderschrank werfen, um festzustellen, dass der oben genannte damalige Bestseller von 1960 keinerlei Veränderung in unseren Konsumgewohnheiten bewirkt hat. Die Kultur der Verschwendung deliriert, und kann nur durch vermehrten Werbeaufwand noch durchgehalten werden.

Neulich vergaß ich die Werbung im Fernsehen weg zu zappen, da stieß mir eine attraktive Werbemieze frontal eine Shampooflasche ins Gesicht. Es wirkte auf mich wie ein Kinnhaken. Ich betrachtete mich selber als Vergeuder und beschloss, hinfort wenigstens diese Vergeudung abzustellen, und kaufte mir Seife, die es tatsächlich noch in geringer Auswahl gibt. Die hält bei mir ein Jahr, ein Dutzend Mal so lang wie das Shampoo, von dem stets eine Menge gleich ins Duschbecken rinnt.

Wenigstens ein Anfang!

 

Ich möchte den Lesern noch ein Produkt der „altmodischen Dauerhaftigkeit“ zeigen, welches mir in der Übergangszeit auch ohne Hausheizung zu Wohlbe-finden verhilft. Es ist ein Heizlüfter der Firma Sauter aus dem Elsass. Mein Vater kaufte es in den 50er Jahren im Saarland, das damals noch Zollanschlussgebiet Frankreichs war.

Das Gerät hat 6 Heizspulen (2500 W), die mittels formschönem Drehschalter, der auch als Transportgriff dient, in 3 Stufen zugeschaltet werden. Eine Stellung ist Ventilation allein. In Stufe 2 und 3 dient der Heizlüfter als Raumheizung, in der Stufe 1 als lokale Bodenheizung, wo das Gerät für warme Füße sorgt, was ja bekanntermaßen als Voraussetzung für Wohlbefinden gilt. Der Ventilator surrt und brummt beruhigend ohne zu blasen, weil er die Wärme horizontal verteilt.

Die Ausstattung ist spartanisch, kein Thermoschalter, der versagen könnte. Lediglich ein Ausschalter fehlt, was kein Problem ist, und das Kabel musste ich ersetzen, weil das ursprüngliche zerbröselte. Das formschöne Design halte ich für vorbildlich wie auch die Qualität der Verarbeitung. Die Industriellen würden das Gerät als Wachstumsbremse ansehen, da es noch in weiteren Jahrzehnten funktionieren dürfte.

Es ist kein Wunder, dass die mittelständige Firma noch existiert. Sie ist mittlerweile von Colmar nach Basel umgezogen, hat 3000 Beschäftigte, und fertigt Regelungskomponenten für den Heizungsbereich.