Lob des Masochismus

 

Beobachtung zur Polarisation des Verhaltens

 

In einem Bauernhof am Rande der Pyrenäen vertrat ich Bekannte bei Aufsicht und Versorgung der Menagerie. Hier interessieren in dem thematischen Zusammenhang drei Anwesende: ein riesiger Neufundländer, der meist einen gelangweilten Eindruck machte, sowie zwei junge Katzen aus dem gleichen Wurf, eine Sie und ein Er. Ihn sah ich oft mit zerzaustem und angenässtem Fell hereinkommen. Bald sah ich auch wieso: Er ließ sich von dem Neufu im Maul herumtragen und behutsam schütteln. Dann sah ich auch einmal, wie der Neufu ihn wieder absetzte, weil er ihn nicht „richtig“ angepackt hatte. Der Kater blieb ruhig sitzen bis der Tragebiss richtig saß. Dann konnte es weitergehen.

Ich machte mir Gedanken, was wohl der Sinn dieser Borderline-Show sein könnte, die ich mir nicht hätte ausdenken können: Es muss eine Win-win-Situation gewesen sein. Der Neufu hatte seine Beißwünsche sublimiert, sich als fürsorglicher Boss erwiesen und zudem einen Spielkameraden gefunden, der seine Langeweile vertrieb, während der Kater sich an der Tragstarre aufgeilte. („I enjoy to be so helpless“ kann man bei John Willie oder Eric Stanton nachlesen). Es war ja noch nicht lange her, dass die Mutter ihn so transportiert hatte: Das hatte ihm gefallen. Zudem hatte er einen mächtigen Beschützer gefunden, der seinen Spielkameraden mit Zähnen und Tatzen beschützen würde. Es könnte ja auch anders kommen. Die Futternäpfe für die Katzen waren auf einem Holzstoß, wo der Neufu nicht hinkonnte. Als ich seinen Napf dort hinstellte, produzierte der Kater eine Elendsnummer, die mein Herz erweichen sollte, was auch klappte. Er wollte von mir hochtransportiert werden. Auch nahm er sich heraus, seinem Boss aus dem Napf etwas zu stibitzen, was natürlich eine Provokation war, welche die Beziehung vertiefte. Wie arrangierte sich nun SIE mit der Situation? Sie mochte nun gar nicht im Maul herumtransportiert werden und ging konsequent Annähe-rungsversuchen aus dem Weg. Dann sah ich sie auf dem ruhenden Neufu liegen. Da fühlte sie sich als Herrin des Geschehens und war unangreifbar. Er duldete das. Es war zwar keine Aufgeilerei, sondern gegenseitige Wert-schätzung, die dem Betriebsfrieden diente. Auch ich hatte sie unerwartet auf dem Bauch, als ich lesend auf einer Liege lag. Sie war außerdem mit zwei Sätzen auf dem Holzstoß. Der Gastgeber sagte mir später, dass der Kater ein ebenso guter Mäusefänger sei wie die Katze.

Ein anderer Kater, den ich bei einem Freund kennenlernte, ließ sich von dem Haushund zausen. Erst als es ihm zuviel wurde, zeigte er seine Krallen und beendete das Spektakel. Es handelt sich also nicht um einen Einzelfall. 

Was ist wohl der Grund für diese Polarisation des Verhaltens? Eine Katze muss ihr Revier unter Kontrolle haben und dort Herrin des Geschehens sein, wenn sie ihren zahlreichen Nachwuchs durchbringen soll. Genau das ist bei der Paarung, die ja die einzige Daseinsberechtigung eines Katers ist, in Frage gestellt. Aus anatomischen Gründen muss sie der Succubus sein, was ihr sichtlich widerstrebt, und die Revierverteidigung unterlassen. Hingegen muss er bei Rolligkeit umherstreunen, ein empfängnisbereites Weibchen suchen, Nebenbuhler auf unbekanntem Gelände vertreiben, dann alle Register der Unterwürfigkeit ziehen, damit er sie als Incubus rumkriegen kann. Je chaotischer die Situation, umso besser für ihn.

Da bei allen Feliden mit Ausnahme der Löwen die Geschlechterverhältnisse die gleichen sind, gehe ich davon aus, dass die Temperamente hier fest mit dem Geschlecht gekoppelt sind.

                                                                                            

 

Eine bemerkenswerte Gesellschaft an einem Futterplatz

Artenübergreifende Vergesellschaftung                                

 

Im Fernsehen kam ein Bericht über das Treiben an einem Futterplatz nahe Er Riyat. Reiche Saudis werfen dort von einer Landstraße ihre Essensabfälle wie auch Nahrungsspenden (ich sah eine ganze Pizza) den Abhang hinunter auf einen Essplatz frei von Plastikmüll, den eine Horde Paviane in Beschlag genommen hat. Sie hält sich eine Hundemeute als Kampftruppe, welche unliebsame Konkurrenz unerbittlich verjagt. Auch einige Katzen sind Teil der Gesellschaft. Affen und Hunde sah man ihre Freundschaft mit intimen Zärtlichkeiten pflegen. Lediglich die Katzen halten mehr Distanz, aber auch Mäuse und Ratten fern. Leider zeigte der Filmbeitrag nur eine Momentaufnahme. Wie mag es nun zu diesem artenübergreifenden Bündnis gekommen sein? Anfangs womöglich so:

 

 

 

Obwohl zumindest Jungtiere der Djeladas durchaus auf dem Speisezettel des Jägers stehen könnten, ergreifen die in Gruppen lebenden Affen beim Anblick eines Äthiopi-Wolfes nicht die Flucht, sondern lassen ihn bis auf 1 bis 2 Metern an sich heran. Wölfe bewegen sich ruhig in der Djelada-Herde und vermeiden es Aufregung zu erzeugen. Was haben die beiden Arten davon sich auf die Nähe einzulassen? Die Wölfe kommen dadurch leichter zu ihrer Hauptbeute, kleinen Nagetieren, die durch die Affen aufgescheucht werden. Junge Djeladas wiederum profitieren davon, nicht von den Wölfen angegriffen zu werden. Forscher spekulieren, ob diese Annäherung der Arten ein Frühstadium der Domestizierung ist – auf ähnliche Weise könnte einst unser Grauwolf zum Haushund geworden sein.

Bild und Begleittext aus GEO 10/2015 Auszug

 

 

Das Problem der Affen mag der Fleischanteil gewesen sein, welcher Rudel verwilderter Hunde anlockt. Die Affen haben auf ebenem Gelände gegen sie einen schweren Stand. Da liegt es nahe, einzelne streunende junge Hunde, welche eine Bleibe nebst Futter suchen, soweit sie sich freundlich nähern, als Schutztruppe wie Hütehunde in die Gesellschaft zu integrieren, um „böse“ Hunde zu vertreiben. Sie sind ja nur begrenzt Nahrungskonkurrenz. Haben Affen etwa vor den Menschen Wölfe „domestiziert“?

Die gezeigten intimen Kontakte sind aber wohl erst mit Hunden möglich. Eine Langzeitbeobachtung, wie weit die Liebe geht, wäre sicher aufschlussreich, hat es womöglich auch gegeben, aber bei den Saudis stößt die Wissen-schaft an Grenzen. Da sind die Mullahs vor.

 

Nachtrag

 

Ein französisches Filmteam unter der Assistenz eines ortskundigen Führers fand zwei nahezu identische Szenen bei An Namas und Ta´if unweit von Mekka und brachte recht freizügige Aufnahmen der dortigen Verhältnisse ins Fernsehen. Die artenübergreifenden Zärtlichkeiten und sexuelle Querbeet-Anwandlungen waren, wie von mir vermutet, recht weitgehend, und wurden ohne Scheu ins Bild gesetzt. Es wurde auch gezeigt, wie beim Auftauchen einer Streifenhyäne in Ta´if die Mantelpaviane Alarm schlugen und zum Angriff starteten, worauf die Hunde die Verfolgung aufnahmen, und die Hyäne allein vertrieben.

Eine Begebenheit scheint mir bemerkenswert: Eine Hundemutter hatte ihren Welpen wohl im fälligen Alter verstoßen, und der suchte jetzt verzweifelt einen schützenden Anschluss. Eine Pavianmutter ergriff die Gelegenheit und den Schwanz des Welpen, und zog ihn höchst unsanft mit hoher Geschwindigkeit demonstrativ quer durch die Versammlung. Später sah man ihn bei seiner neuen Beschützerin und ihrem Nachwuchs: Der Kindesraub als Aufnahmeritual in die Gesellschaft. (Das hat es schon bei den Alten Griechen gegeben.) Und die Pavianmutter hatte einen zukünftigen Babysitter und Beschützer für ihren Nachwuchs ans Nest gezogen.

Auch hier hatten sich Katzen eingefunden und wurden in die Fellpflege einbezogen. Als Halter einer Katze machte ich mir Gedanken, wie sie wohl Aufnahme gefunden haben könnten, da der Filmbeitrag ihre Rolle nicht thematisierte. Katzen sind ja sehr scheu, und aufgrund ihrer Nahrung (zwei Katzen machen vor einem Mauseloch keinen Sinn) nicht kooperativ. Meine Vermutung: Die Katzen wurden als letzte in die Gemeinschaft aufgenommen, Sie brachten als Hauskatzen immerhin schon zivilisatorische Erfahrungen mit. Ein als Jungtier verstoßener Kater, Abenteuern nicht abgeneigt, wird den Anfang gemacht haben. Er wird sich behutsam vorgestellt und um Asyl gebettelt haben. Mit dem Kätzchenbonus ausgestattet weckte er keine Aggressionen und passte auch in kein Beuteschema. So mag er zunächst geduldet worden sein. Ratten und Mäuse sind keine zu unterschätzende Nahrungsmittelkonkurrenz für Hunde und Affen, der sie nur schwer begegnen können. Ihnen fehlt dazu die Geduld. Hier wird er sich nützlich gemacht haben und seine Stellung gesichert haben. Weitere zugezogene Katzen werden auch selbst dafür gesorgt haben, dass sie nicht überhand nahmen.

Die Begründer dieser Vergesellschaftungen sind die Saudis, da sie nur bei ihnen belegt mehrfach vorkommen. Ihre Motivation konnte wohl bei der Recherche aus Kamerascheu nicht hinterfragt werden. Man sah sie nur aus der Ferne ihre Gaben ausstreuen, wobei sie den Kameras den Rücken zukehrten. Ohne ihre nachhaltige "Sozialhilfe" würde diese „Zivilisation“ sofort zusammenbrechen. Bei ihrem strengen Islam gelten Hunde, und Affen sowieso, als „unrein“, und werden aus den Haushalten verbannt.

So bleibt ungeklärt, ob sich die Tierliebe hier Bahn bricht, ob man sich hier einen geilen Zoo hält, oder der Wunsch bestimmend ist, von Plünderungen marodierender Banden in ihrem privaten Bereich verschont zu werden. Am wahrscheinlichsten halte ich eine Mischung von allen drei Motiven.

 

In einem weiteren Filmbeitrag sah ich eine Horde Kapuzineraffen, welche ein junges Männchen einer größeren und stärkeren Affenart adoptiert hatten, welches dann später zu ihrem Anführer und Beschützer wurde.

 

             Eine Spaßgesellschaft

 

Im Fernsehen zeigte ein Filmbericht eine ungewöhnliche Form der Vergesellschaftung auf der Insel Uchimoura südlich von Kyushu (Japan). In dem Regenwald hatte sich ein Clan von Rotgesichtmakaken etabliert, in deren Gesellschaft sich einzelgängerische Waldhirsche einfanden. Die Affen hatten ihren Spaß daran, auf ihnen herumzureiten. Vor allem der Nachwuchs konnte sich längere Zeit auf ihrem Rücken behaupten. Bloß der adäquate Reitsitz mit gespreizten Beinen war ihnen noch nicht geläufig. Alle hingen halb seitlich in unbeholfener Klammerung an ihnen dran. Dann wollte der Boss es auch einmal seinem Nachwuchs zeigen. Auch er hing mehr wie ein schiefer Mehlsack auf dem Reh. Kein Wunder, dass er bald darauf ins Gestrüpp abgeworfen wurde.

Die Hirsche dienten den Makaken allein als sportliche Spielkameraden in der Spaßgesellschaft. Aber warum ließen sich die Hirsche das gefallen? Sie ließen sich am Rande des Affenclans nieder, kamen in den Genuss eines Spektakels und warteten geduldig, dass der Hunger die Bande auf die Baumkronen trieb, wo es hochwertige Kost von Früchten und Samen gab, unerreichbar für die Rehe. Dass die Makaken dabei wie alle Primaten verschwenderisch mit ihrer Beute umgingen, hatten auch die Rehe bemerkt. So kamen sie auch am Boden an die Köstlichkeiten.

 

                                                                                                                                                                                              

      Tarnen, tricksen, täuschen

            Vorkommen innerartlicher Täuschungsmanöver

 

Täuschungen sind eine Intelligenzleistung, welche eine hohe Gehirnkapazität erfordert. Der Aufwand ist daher ins Verhältnis zu setzen zu dem möglichen Vorteil (Ertrag). Generell gilt bei innerartlichen Täuschungsmanövern: Sie müssen eine Gelegenheit haben, den Aufwand lohnen, und das Risiko der Entdeckung muss gering sein. 

Bei den zweitemperamentigen Herdentieren kann man das Vorkommen von Täuschungen ausschließen. Sie begnügen sich mit minderwertiger, dafür massenhaft vorkommender Kost, welche sie sich teilen.

Bei einzeln lebenden Tieren, welche Früchte, Samenstände oder Beutetiere verzehren, gibt es die Möglichkeit, die Beute vor Artgenossen zu verstecken, oder sie ihnen abzujagen, was eine Angelegenheit der körperlichen Überlegenheit oder Geschicklichkeit ist. Eine Täuschung findet nicht statt.

Bei Vögeln, die sich zu ihrem Schutz zu Schwärmen wechselnder Mitgliedschaft zusammenschließen, ist schon beobachtet worden, dass ein Mitglied bei Entdeckung besonders hochwertiger Beute einen Warnpfiff ausstieß, der die Artgenossen verscheuchte. Sollte es sich um eine kleinere Gruppe von Vögeln hoher Intelligenz wie zum Beispiel Keas oder Stare handeln, welche in fester Gemeinschaft oder solcher mit geringer Fluktuation leben, so liegt eine Täuschungsabsicht nahe. Ob hier Viertemperamentigkeit das heißt große Unterschiedlichkeit im Verhalten vorliegt, ist für mich eine naheliegende Frage. Sie würde die Entstehung der vier Temperamente noch weiter in die Vergangenheit verlagern.

Ob bei eindeutig viertemperamentigen Gemeinschaften, welche in engem Verband zusammenleben, Täuschung und Betrug generell zu erwarten sind, ist noch ungeklärt. Bei Wölfen wurde meines Wissens derlei noch nicht nachgewiesen. Das könnte daran liegen, dass sie gemeinsam größere Beutetiere jagen, die sie auch gemeinsam bei Beachtung der Rangordnung verzehren. Dabei besteht keine Möglichkeit der Täuschung.                          Hunde könnten sich in der Beziehung zu Menschen von ihnen „Tricks“ abgeschaut haben. Ein „vermenschlichtes“ Erlebnis schildert der Psychologe Georg John Romanes in seinem 1883 erschienenem Werk Animal Behaviour mit seinem Hund:

Der Terrier hatte großen Spaß daran, Fliegen von den Fensterscheiben wegzufangen. Wurde er gehänselt, wenn ihm das nicht gelang, ärgerte ihn das offenbar sehr. Eines Tages – um zu sehen, was er tun würde – lachte ich ungezügelt jedesmal, wenn einer seiner Versuche fehlschlug. Das passierte mehrere Male hintereinander – teilweise, glaube ich, als Reaktion auf mein Lachen – und schließlich war er so bedrängt, dass er gewisslich vorgab, die Fliege zu fangen. Er machte mit Lippen und Zunge alle entsprechenden Bewegungen, und anschließend rieb er seinen Hals auf dem Boden, als wolle er sein Opfer töten: Dann schaute er zu mir auf mit einer triumphierender Miene des Erfolges. Der ganze Prozess war so gut simuliert, dass ich wohl darauf hereingefallen wäre, hätte ich nicht die Fliege bemerkt, die noch immer auf dem Fenster saß. Ich machte ihn auf diese Tatsache aufmerksam als auch darauf, dass auf dem Boden nichts zu sehen war. Und als er erkannte, dass seine Heuchelei durchschaut worden war, verkroch er sich unter die Möbel, offenbar sehr über sich selbst beschämt.

 

Diese Beobachtung krankt daran, dass die Täuschung nicht innerartlich war, sondern eine Veranstaltung des Autors darstellt. Sie zeigt aber das geistige Potential für eine innerartliche Täuschung, die bei Rudeln oder Meuten von Hunden erst mehrfach nachgewiesen werden müsste, was schwierig sein dürfte, weil die innerartliche Kontrolle bei Verteilung der Beute groß ist. Um Täuschungen zu ermöglichen, wie es bei den Primaten als Mischköstler der Fall ist, darf die Beute nicht zu groß oder zu klein sein. So kommt es, dass eindeutige innerartliche Betrugsabsichten in großer Zahl bislang nur bei Primaten nachgewiesen werden konnten. Das liegt daran, dass innerartliche Täuschungen im Tierreich, weil nicht besonders ertragreich, verhältnismäßig selten sind.

 

In dem Buch von Volker Sommer Lob der Lüge werden in dem Kapitel Taktische Täuschungen unter Primaten Beispiele aufgeführt, welche Richard Byrne und Andy Whiten in einer Datensammlung von mehreren Hundert „Fällen“ zusammengestellt haben, welche sie in 21 Kategorien einordneten. Zu jeder Täuschungsstrategie führt Sommer Beispiele an. 

 

 

Hier eine Täuschung erster Ordnung:

 

 

Taktische Täuschung liegt vor, wenn ein Tier "ehrliches" Verhalten benutzt, um seine Artgenossen irrezuführen.

 

……Auch der halbstarke Pavian Melton  beherrschte offenbar einen Bluff: Als er ein Baby zu rauh behandelte und von dessen Clan angegriffen wurde, floh er nicht, sondern stellte sich auf die Hinterbeine und ließ den Blick schweifen. Genau das tun Paviane, wenn sie Freßfeinde entdeckt haben. Die Angreifer starrten ebenfalls ins Gelände und vergaßen seine Bestrafung völlig.

 

 

Eine Täuschung höherer Ordnung ist die Gegentäuschung. Sie wurde bislang erst bei Menschenaffen und Pavianen nachgewiesen.

 

 

Schimpansen sind die Lügenbarone des Tierreichs. Ihre Intelligenzleistungen reichen offenbar sogar aus, um die Täuschungsabsicht anderer zu durchschauen und zu kontern - wie diese Comic-Folge illustriert, die auf einer wahren Begebenheit in Tansania beruht.

 

Auch eine gelungene „verbotene“ Kopulation ist als Beute anzusehen. Bei der folgenden Szene handelt es sich um eine mentale Repräsentation, wie Sommer sie nennt, eine Fähigkeit des Gedankenlesens.

 

 

 

 

Täuschung durch mimische Verstellung: Schauspielerei

 

Schimpansen sind zu emotionaler Zensur fähig - sie können sich mit unauffälligem Gesicht einem Artgenossen nähern, jedoch etwas völlig anderes im Schilde führen.

 

 

In der Folge werden die einzelnen Täuschungskriterien mit Schilderungen signifikanter Beobachtungen unterlegt. Es zeigen sich sogar Ansätze rekursiven Denkens in der Gegentäuschung: „Ich weiß, dass du weißt, dass ich weiß“, eine Denkweise, die bei den Menschen in den Schachtelsätzen kulminiert, in denen man seine wahren Gedanken am besten verbergen kann.

 

 

Die wahren Großmeister der Täuschung sind die Menschen. Ein übergroßes Gehirn schafft dafür die Voraussetzung. Vor allem mit ihren sozialen Mitteln der Sprache, Bilder (auch bewegte), Musik und Tanz erreichen sie mit Hilfe der modernen Kommunikationsmittel eine große Reichweite der Täuschungen, was schon zu Weltkriegen geführt hat. Lüge, Auswahl (Zensur), Fälschung, Verharmlosung (Verkitschung) sind hier die wichtigsten Stilmittel. Mit diesen kann man genau so große (wenn nicht größere) Beute machen, wie mit Wahrhaftigkeit. In dem gleichen Maß, wie sich die Wahrheiten vermehren, müssen also auch die Lügen zunehmen, wobei beide nur schwer oder gar nicht voneinander geschieden werden können. Lügen und Wahrheiten sind reflexive Ansichten auf einer Metaebene mit begrenzter Haltbarkeit, die aber auch Jahrtausende überdauern kann, wenn gesellschaftliche Totems betroffen sind.

Wo Lügen in großer Zahl produziert werden, muss sich auch die Fähigkeit entwickeln, sie zu erkennen und aufzudecken, will man nicht ihnen zum Opfer fallen. Die bewusste Lüge verrät sich, dem Lügner unbewusst, durch bemerkbare Signale des Körpers. Es muss sich daher eine Praxis in einer Population von Lügnern, die wir mehr oder weniger alle sind, entwickeln, „zu lügen ohne rot zu werden“. Dafür gibt es eine Vielzahl von Techniken. Die gebräuchlichste ist, die Lügengespinste so oft im eigenen oder kollektiven Echoraum zu wiederholen, bis sie subjektiv zur Wahrheit gerinnen, und die Selbsttäuschung die Täuschung überzeugend werden lässt. Das führt in Konsequenz zur immer weiteren Inflationierung des Selbstbetrugs. Wir wirken dann besonders überzeugend, wenn wir selbst nicht wissen, dass wir betrügen.

Desmond Morris beschreibt in seinem Buch "Der nackte Affe" die "Verhaltenslüge" als die effektivste Form der Täuschung:

Am erfolgreichsten sind solche "Verhaltenslügner", die sich nicht bewusst darauf konzentrieren, bestimmte Signale abzuwandeln und so für ihre Zwecke einzusetzen, sondern die sich selbst in die Grundstimmung hineindenken und hineinsteigern, die sie an den Mann zu bringen beabsichtigen - jetzt können sie die sich daraufhin einstellenden kleinen Zeichen durch sich selbst wirken lassen. Nach dieser Methode handeln besonders häufig und mit großem Erfolg die professionellen Lügner - und zu diesen gehören auch die Schauspieler und Schauspielerinnen. Ihr ganzes Berufsleben zielt ja darauf ab, "Verhaltenslügen" zu produzieren.

Dass wir die Täuschung lieben, zeigt die Verehrung, die wir den professionellen Täuschern aus dem Kultur-, Religions- und Politikbetrieb entgegenbringen, ferner, dass wir eine Enttäuschung, über die wir als vorgeblich die Wahrheit Liebenden eigentlich froh sein sollten, als etwas Negatives betrachten.

 

Es fehlt mir die Kompetenz, mich weiter über die Dialektik von Lüge und Wahrheit auszulassen, was auch im Rahmen dieser Abhandlung nicht sinnvoll wäre. Die Literatur darüber ist bereits gewaltig. Schon Grußworte, wie Guten Tag, Grüß Gott, können als Konventionen sowohl wahr, wie auch falsch sein. Lediglich, ob man ein Grußwort ausspricht, oder den Gruß durch Abwendung vermeidet, ist eine Botschaft. 

 

Die Menschenwelt gedeiht am besten, wenn sie sich an Unwahrheiten delektiert (Roger Scruton)

 

Anstelle mich weiter über das schier unerschöpfliche Thema zu verbreiten, möchte ich lieber einen Erfahrungsaustausch mit einem bildenden Künstler schildern, der in einem Pfarrhaus aufwuchs, in dem er die Rolle des Pfarrhausteufels zu übernehmen hatte. Diese Rolle muss offenbar in jedem Pfarrhaus besetzt werden, da der Pfarrer als Stellvertreter Gottes ständig in der Familie einen Teufel als Sparringspartner benötigt, um in Form bei der Verfolgung der familiären Lügen zu bleiben. Die Großmutter, eine fromme Frau, vertraute meinem Freund einmal an: "In einem Pfarrhaus fühlt sich der Teufel am wohlsten, da hockt er in jeder Ecke". 

Auch im Kopf meiner Mutter muss der Teufel stets präsent gewesen sein. Wenn ich mal wieder nicht folgsam gewesen war, tippte sie mit zwei Fingern an meine Stirn und sagte: "Da kommen schon die Teufelshörner raus". In religiösen Gemeinschaften müssen teuflische Wesen als Requisit offensichtlich unverzichtbar sein. 

Wir tauschten uns aus über die Bestrafungsrituale in unseren Elternhäusern. Der Kohlenkeller war eine Selbstverständlichkeit. Dann kamen wir über die Prügel zu sprechen, von denen ich als Sohn eines Religionslehrers weniger betroffen war. Da er bei der Diskussion seiner Vergehen stets der Lüge den Vorzug gegenüber der Wahrheit gab, war das eine ständige Herausforderung des Vaters. Dieser befahl seinem verstockten Sohn anlässlich eines Verhörs: Schau in das Licht der Wahrheit! Dabei deutete er auf die Schirmlampe, auf dem der Stock des Strafvollzugs lag.

Da die Bewirtschaftung von Lügen aufwändig ist – schließlich muss man sich merken, wem man welche Lüge aufgetischt hat – fragte ich ihn, wie er es mache, dass er sich in seinen Lügengespinsten nicht verheddere. Er gestand mir darauf, dass er schon im Verlauf einer Missetat die Begebenheit in der Form einer Lüge umdeute. Dann verrate er sich nicht durch unterschiedliche Versionen des Vorfalls. Die Wahrnehmung wird so zur „Falschnehmung“.

Der Prediger und Volksschriftsteller Johann Geiler von Kaysersberg schreibt 1511 dazu:

Wo der mensch ein lygin aussprichet, so bedarf es darnach vierzig unwarheiten uf das er der ersten lügy mög ein gestalt machen.

"Mundus vult decipi" (Die Welt will getäuscht werden) lernte ich im Lateinuntericht als Beispiel für den Infinitiv passiv. Ein anderer Freund hat einmal in einem lichten Moment den Begriff der Selbstverheuchelung geprägt. Ein typisches Beispiel dafür mit weit reichenden Folgen ist unsere Stellung in der Natur. Zunächst hatte und hat noch immer ein Gott uns separat von allen anderen Lebewesen erschaffen. Als das aufgrund des Aufblühens der Wissenschaft nicht mehr haltbar wurde, ist die Sprachregelung entstanden, dass der Mensch vom Affen abstamme. Dass der Mensch ein Affe sei, kann er sich auch heute noch nicht im allgemeinen Sprachgebrauch zumuten. Das lässt der Dünkel und Herrschaftsanspruch nicht zu.

Im Verhalten erregter Massen wurde als Massensuggestion beobachtet, wie es Le Bon in seiner Psychologie der Massen schildert. Über die Bedeutung von Täuschungen für die menschlichen Gesellschaften schreibt er:

 

Die soziale Täuschung herrscht heute auf allen Ruinen, die die Vergangenheit auftürmte, und ihr gehört die Zukunft. Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihr missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer. Da muss ich aufpassen.

 

Alle kursiven Zitate, sofern nicht direkt benannt, sind dem o. g. Buch von Volker Sommer entnommen