Die Temperamente in der Propaganda

 

Das Menschenbild in der Propaganda autoritärer Systeme ist immer reduziert. Die Vorbilder sollen ein bestimmtes Verhalten fördern und die Gleichschaltung unterstützen. Zunächst zu Nazi-Deutschland

 

 

Die vorbildlichen „arischen“ Familien sind eintemperamentig, was in Wirklichkeit niemals vorkommt. Alle gezeigten Mitglieder sind vom Typ „feindliche Stärke“, was als „gesund“ gilt, zum Teil in idyllischem Weichzeichner harmonisiert. Für das Jungvolk wie auch die Frauen und Soldaten gilt das gleiche: Die Vorbildlichen sind vom Temperament Feindliche Stärke. Was hier herangezüchtet werden soll, sind todesmutige Krieger. Die züchtet man gängigerweise mit Prügeln. Wenngleich A.H. kaum zum arischen Vorbild taugen kann, so hat er doch das gleiche Temperament wie die Propagandafiguren.

 

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Alle Diktatoren wünschen sich gleichgeschaltete Untertanen. In China des Maoismus ging die Propaganda darüber hinaus: Sie wünschte sich Klone.

 

Im China des Maoismus standen die Propagandisten vor einem Problem. Das Temperament von Mao (freundliche Schwäche) kann offenbar nicht vorbildlich sein für die Staatsraison. Sein Portrait als gutmütiger Onkel, der nur die Volksbeglückung im Sinn hat, ist eine Gefahr für die Wehrkraft. Man stelle sich vor, die drei Anhänger, die das Volk repräsentieren sollen, hätten die Züge und die Ausstrahlung der Nazi-Vorbilder: Es wäre der totale Kontrast. Das kann es also nicht sein. Man schuf deshalb als Kompromiss einen neuen Menschentyp in idealer Gleichschaltung: den Mischtyp des eintemperamentigen Menschen: Ich sehe mich nicht in der Lage, die Propagandafiguren einem Temperament zuzuordnen. Heute macht man das mit digitalem Morfing. Man kann auch lächelnd mit gutem Gewissen Leichenberge produzieren; so wird an Stelle der markigen Gesichter das Motiv der Gleichschaltung hier in den Vordergrund gestellt und mit der Mao-Bibel kultig überhöht.

 

 

                                        Die neue eintemperamentige Menschenrasse mit Gott Mao über allen (imaginechina)

 

 

 

 

Auch bei den Frauen soll es nicht anders zugehen. Sie sind mit großer Freude werktätig und besingen den Mao-Kult. Immerhin sind sie wertgeschätzt. (International Institute of Social History, Leiden; Ausschnitte)

Nach dem Tod Maos (1959) gab es bis zum Amtsantritt von Qi Jinping (ab 2013) 10 weitere Staatsoberhäupter in allen Temperamenten. Da erschien das gleichmacherische Bild der Propaganda nicht mehr zeitgemäß. Jetzt traten auch markige Gesichter auf, je nach der propagandistischen Absicht.

 

Die Propaganda in anderen Diktaturen zu untersuchen würde hier zu weit führen, ist aber ein lohnendes Untersuchungsobjekt. Als Anregung sollten beide vorstehenden genügen.

 

 

Die Propaganda im Konsumismus

 

 

Aus dem Jahr 1937 gibt es ein großartiges Foto, welches den Zynismus der Konsumpropaganda zeigt. Auf einem riesigen Plakat mit Überschrift: WORLD´S HIGHEST STANDARD OF LIVING sieht man eine eintemperamentige weiße Familie in einem PKW freudestrahlend auf großer Fahrt. Davor sieht man eine Schlange arbeitsloser meist farbiger Menschen, die zur Armenspeisung anstehen.

Den höchsten Lebensstandard auf der Erde gibt es nur für die in freundliche Stärke gleichgeschalteten Insassen des Gefährts, das die große Freiheit in einem Blechkäfig verheißt, sofern sie sich rückhaltlos zum Konsumismus bekehrt haben. Der zeigt sich hier ähnlich autoritär in seinem eingeschränkten Menschenbild wie Diktaturen. Die Lebensfreude wird zur zwanghaften Norm erhoben: sie muss gekauft werden.

Foto: Detail (Bridgeman Art Library)

 

 

 

 

 

Extremer geht es heute bei der militärischen Parade der lebenden Schaufensterpuppen bei den Haute Couture-Modeschauen zu: Sie blicken streng blasiert über die Kunden hinweg, die sie begaffen. Sie hassen es, angeglotzt zu werden, da sie Voyeure sind. (Aber was tut man nicht alles für Geld?) So erwecken sie hochnäsig den erwünschten Eindruck der Stärke.

 

Im späten Konsumismus haben sich in Fernsehen und Internetwerbung die neuen Zwänge der Spots durchgesetzt. Jeder Spot wird zu einer kleinen Story. Hier geht es darum, die Betrachter durch Reizüberflutung bei der Stange zu halten, damit sie nicht wegzappen. Ihre Aufmerksamkeit muss gefesselt werden. Produktbeschreibung wird auf das unbedingt Notwendige beschränkt; jeder noch so abstruser Gag ist willkommen, Seriosität langweilt nur. Die Bilderhektik (jede Sekunde kostet Geld) soll den Verstand ausschalten. Der Exhibitionismus hat Einzug gehalten, da müssen wieder alle Temperamente ran.